Jim Jarmusch Inhaltsverzeichnis
Leseprobe

Broschur, mit Abb.
414 Seiten
2006
18,90 €(D)
ISBN 978-3-936497-09-0

Bestellen

Warenkorb anzeigen

Jim Jarmusch
Filme zum anderen Amerika
Roman Mauer

Ein faszinierender Blick auf einen der ganz großen Independent-Regisseure unserer Zeit

Spätestens seit »Down by Law« genießt Jim Jarmusch Kultstatus. Sein Werk ist von einer unvergleichbaren Individualität geprägt, die Jarmusch zu einem der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Independentkinos macht: Schwarz-Weiß-Eurosthetik, Semi-Dokumentarismus, neorealistische Erzählweisen, bisweilen slapstickhafte Komik und beeindruckendes Schauspiel zeichnen seine Filme von Anbeginn aus.

Mit »Coffee & Cigarettes« hat Jarmusch 2003 wieder eine Brücke zu seinem Frühwerk geschlagen, nachdem sich die beiden letzten Spielfilme »Dead Man« und »Ghost Dog« thematisch und inhaltlich deutlich abgrenzten und dadurch in Deutschland für Verwirrung sorgten. Gerade deshalb lohnt der genaue Blick auf sein Gesamtwerk.

Roman Mauer untersucht, was bislang stets gefeiert, aber nie genauer unter die Lupe genommen wurde: die Intensität der Bilder und der Soundtracks (Tom Waits, Neil Young, RZA). Zudem wird Jarmuschs Verhältnis zu Wim Wenders und Deutschland thematisiert, da seine Filme immer auch als Echo auf die melancholischen Autorenfilme der Generation Straub, Herzog und Fassbinder verstanden wurden.

Die Presse

»Roman Maurers Analysen lehren den Leser zu sehen, sie stellen ihm das Auge des Filmkenners zur Verfügung und der Leser kann durch die Lektüre seinem eigenen Auge Tiefenschärfe antrainieren. Ein äußerst empfehlenswertes Buch …« (Bücherschau)

»Jim Jarmusch. Filme zum anderen Amerika stellt zweifelsohne das neue Maß der Dinge in der Jarmusch-Forschung dar. Nicht zuletzt, weil es dazu anregt, sich die Filme noch einmal – nun mit erweitertem Horizont und nochmals gesteigertem Lustgewinn – anzusehen.« (literaturkritik.de)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Permanent Vacation (1980)
• »The Blank Generation«
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik
• Pressestimmen

Stranger Than Paradise (1984)
• Ein Streuner zwischen den Traditionen
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik
• Pressestimmen

Down by Law (1986)
• Der Blick des Dichters auf die Welt
• Erzählstrategien
• Charakterspiele – Person, Image, Figur
• Die Oszillation der Wahrnehmung in einer Welt der Zeichen
• Ästhetik
• Pressestimmen

Mystery Train (1989)
• Rock ’n’ Roll zwischen Kult und Kultur
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik
• Pressestimmen

Night on Earth (1991)
• Leben, Kino und die Momente dazwischen: Short stories in Taxis
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik
• Pressestimmen

Dead Man (1995)
• Hohle Formen, verlorene Historie
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik
• Pressestimmen

Ghost Dog – The Way of the Samurai (1999)
• HipHop und die »36 Chambers« des Wu-Tang Clan
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik
• Pressestimmen

Ten Minutes Older – The Trumpet (2002)
• Echtzeit oder Zeitenwende
• Jim Jarmuschs Episode: Int. Trailer. Night
• Coffee and Cigarettes (2003)
• Erzählstrategien
• Themen und Motive
• Ästhetik

Broken Flowers (2005)
• Dons Reise zum Mittelpunkt seiner selbst
• Don Johnston zwischen Rastafari und babylonischer Gefangenschaft
• Literarische Schatten der Verführung

Spiegelungen im Fenster – ein Kino wider die Vorurteile

Anmerkungen
Anhang
Filmographie
Bibliographie
Index

Leseprobe

Ungewöhnlich licht und transparent wirkt Broken Flowers. Forscht man nach dem Sinn der Geschichte, perlen alle Fragen ab, wie an einer Glasscheibe, durch die es lediglich das Geschehen selbst zu betrachten gilt: die amüsanten Begegnungen, das brillante Schauspiel, die sanften Farben. Der einstige homme à femme Don versucht das Rätsel eines anonymen Briefes zu lösen, der ihm den Besuch eines unbekannten Sohnes ankündigt. Doch am Ende bleibt das Geheimnis ungeklärt: Weder die vermeintliche Mutter noch der angebliche Sohn wurden entdeckt. Lässt sich die Spurensuche von einer ehemaligen Geliebten zur nächsten als ein »Fiasko« bezeichnen (wie Don resümiert), als eine sinnlose Bewegung, die unnötig Staub aufgewirbelt hat? Soll der Zuschauer in seinem Deutungsversuch an der Offensichtlichkeit der Handlung scheitern, so wie Don in seiner detektivischen Expedition an der Offensichtlichkeit der rosafarbenen Indizien, die alles und wiederum nichts aussagen? Reduziert sich damit die Aussage des Films auf die Maxime, die Don in seinem philosophischen Credo vertritt: die Aufmerksamkeit gänzlich dem gegenwärtigen Augenblick zu widmen?

Dons Reise zum Mittelpunkt seiner selbst (Erzählstrategien)

Wie schon bei Dead Man lässt sich auch bei Broken Flowers eine spiegelbildliche Struktur aus dem sinnlichen Material herausheben und darüber die tiefere Bedeutungen der Erzählung verstehen. Der Film vollzieht eine doppelte Bewegung: (1) Dons lineare Reise durch das Land von einer ehemaligen Geliebten zur nächsten auf der Suche nach Indizien; (2) die zyklische Reise in das Innere seines Ichs über den achsensymmetrischen Aufbau der Ereignisse.
(1) Dons Streifzug durch die USA bildet eine chronologische und sukzessive Passage durch Raum und Zeit, die durch Flüge, Fahrten, Besuche und Übernachtungen rhythmisiert wird. Die Reihung sich wiederholender Ereignisse nutzt Jarmusch, um die Stimmung elegant von Hell nach Dunkel abzuschattieren. Von Episode zu Episode wird Don weniger in die Lebenswelt der besuchten Frauen eingelassen. Lauras Haus saugt ihn förmlich in sich auf und zieht ihn bis ins Intimste ihrer Privatsphäre hinein, bei Dora (Frances Conroy) lernt er nur das Esszimmer kennen, bei Carmen (Jessica Lange) die Empfangsräume, Penny (Tilda Swinton) schlägt ihm die Tür vor der Nase zu. Auch die Aufenthaltsdauer verkürzt sich zunehmend. Abschluss dieser Entwicklung ist der Besuch an Michelles Grab; hier findet sich kein Zugang mehr. Die zunehmende Ablehnung artikuliert sich über die ersten Reaktionen der Frauen beim Wiedersehen, die fein abgestuft sind – von strahlender Freude (Laura) über ängstliche Überraschung (Dora) zu unterschwelliger Abwehr (Carmen) und aufflammender Wut (Penny). Im Einklang damit reagieren die jeweiligen Angehörigen mit steigernder Aggressivität: Offenherzig präsentiert sich die Tochter Lolita (Alexis Dziena), doch schon bei Ehegatte Ron (Christopher McDonald) schwelt unter der lautstarken Gastlichkeit die Nestverteidigung, Carmens Sprechstundenhilfe (Chloë Sevigny) bringt Don zornig die Blumen zurück, Pennys Biker (Chris Bauer, Will L. Fessenden) schlagen ihn gar bewusstlos und fahren ihn aus der heimatlichen Zone. Über diesen Prozess der Aussonderung wird Don mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen.

Broken Flowers ist eine Reise in die Traurigkeit, auf die Leinwand gemalt mit den Mitteln des Wetters und der Jahreszeiten: Die filmische Gebärde schweift von einem sonnigen Himmel zum verregneten Wolkenvorhang am Ende, vom sommerlichen Grün in das herbstliche Braun abgeernteter Felder. In Resonanz dazu schwimmen zunehmend Dons Augen vor Kummer. Dabei deutet Broken Flowers eine Bewegung in den Randbereich der Zivilisation an, in die Natur, Verwilderung und Verlorenheit des Menschen: Vergessen ist das freundliche Gelb von Lauras Anwesen, wenn Don vor dem abgeblätterten Schwarz von Pennys Baracken steht. Doras Musterhaus erhebt sich im Neubauviertel, Carmens Gebäude umranken schon Sträucher, und Pennys Farm liegt inmitten dichter Wälder, verwahrlost und nur über einen Erdweg erreichbar. Don Bekenntnis »I’m lost« meint die innere Verfassung. Auch seine vier Übernachtungen implizieren Stufe für Stufe einen Abstieg in die Entfremdung, wenn man so will: vom Himmel durchs Fegefeuer in die Hölle. Wenn er in Lauras Umarmung aufwacht, tupft die Sonne Lichtflecken auf das Bett und überzuckert somit die Ironie, dass Don gefangen zwischen ihren zärtlichen Fingern liegt. Von einer Nacht im Motelzimmer zur nächsten steigert sich die Hässlichkeit der Einrichtung – als immer genauere Entsprechung seines inneren Unbehagens. Selbst mit seinem bestem Freund Winston (Jeffrey Wright) mag er nach der dritten Nacht nicht mehr sprechen, verharrt einsam vor dem Fenster und blickt trübselig auf den Autostrom, der sich durch die regennasse Straßenschlucht zwängt. Wie ein Toter im Grab, von Blumen übersät, entdecken wir ihn nach der vierten Nacht im Auto, blutend und desorientiert inmitten eines gerodeten Maisfeldes, am finalen Tiefpunkt und im Niemandsland seiner psychischen Ödnis. All diese Strategien erzielen den Effekt, dass auf der Leinwand nach und nach Dons Seelenleben erscheint, wie bei der Entwicklung eines Röntgenbildes im Tauchbad. Sein Inneres drängt sich symbolisch nach außen. Dons Reisezyklus umfasst sieben Tage, beginnt Montags und endet Sonntags jeweils im »Carlitos«-Café.1009 Einen symbolischen Tod erfährt Don, wenn er freitags bewusstlos geschlagen wird, eine Wiedergeburt, wenn er am Morgen des sechsten Tages aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Im zahlensymbolischen Zusammenhang mit den Schöpfungstagen der Genesis betrachtet, die am sechsten Tag die Erschaffung des Menschen situiert, bezeichnet die Bewusstwerdung Dons aus dem Koma ein Erwachen zum Menschsein. Der Regen, der diesen sechsten Tag als traditionsreiche Pathosformel des Kinos begleitet, spricht von der Katharsis dieses Charakters, seiner Reinigung und Läuterung.

(2) Dons Reise zu sich selbst wird über einen achsensymmetrischen Aufbau vermittelt, so dass Ereignisse in der ersten Hälfte mit denjenigen der zweiten korrespondieren, nach dem Schema einer Spiegelung: a-b-c-d (…) d’-c’-b’-a’. Somit entstehen Kreise, die konzentrisch in die Mitte des Films führen, vergleichbar mit den Jahresringen eines Baumstamms. Erinnert sei an das Specht-Motiv der Wertmarke, die auf dem rosafarbenen Brief klebt und von Winston als symbolische Aufforderung an den Adressaten verstanden wird: »A woodpecker! What does that mean to you?« Ein Specht hämmert sich durch die Rinde in das Innere des Baumstammes vor, von den jüngsten bis in die ältesten Jahresringe. Genau dieser Prozess, der in die Tiefe seiner Biographie und seines Bewusstseins zielt, hat Don zu durchleben: in Analogie zu Dante Alighieris »Göttlicher Komödie« 1010 einen Abstieg von einem Höllenkreis der Entfremdung in den nächst tieferen.

Das Ox-Kochbuch Teil IV
Berlin Bromley
Happy Endstadium
DIY
Plattenkisten