testcard #1: Pop und Destruktion Inhaltsverzeichnis

Broschur, mit Abb.
280 Seiten
1995, 4. Aufl. 2004
14,50 €(D)
ISBN 978-3-931555-00-9

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testcard #1: Pop und Destruktion
Martin Büsser / Jochen Kleinhenz / Johannes Ullmaier (Hg.)

Die Startnummer. Destruktion und Provokations-Gesten von Industrial bis Punk, von Japan-Noise bis Fluxus, von Death Metal bis zur Maschinenmusik. Essays, Portraits, Gespräche und Diskographie.


Editorial

Pop ist längst zu einem geschichtlichen Ereignis geworden. Entgegen der Beteuerungen, im Jetzt zu leben und für das Jetzt zu produzieren, hat Popkultur sich spätestens mit der Punk/New Wave-Bewegung seiner eigenen Geschichtlichkeit vergewissert. Im allgegenwärtigen, alle Sparten betreffenden Retro der Neunziger findet dies seinen unangenehmen Widerhall: Sei es durch die Neugründung längst aufgelöster Bands, durch die Beharrlichkeit, mit der Gruppen wie die Rolling Stones ihre Bedeutungslosigkeit alle paar Jahre lautstark zementieren, sei es durch die Hommage jüngerer Musiker an die (selbst oft gar nicht mehr miterlebte) Vergangenheit in Form von »Tribute to«-Samplern oder einer eklektizistischen Spielweise. Grunge, Neo-Folk, Neo-Seventies, Neo-Psychedelic, das sog. Punk-Revival etc.: Was da meist als Medienspektakel reanimiert wird, zeigt über weite Strecken nur die gegenwärtige Ratlosigkeit gegenüber der Frage, wie Neues noch angesichts des allzu groß gewordenen historischen Ballasts möglich ist. War mit Punk und New Wave in den Siebzigern noch eine Geschichtlichkeit durch bewusste Ablehnung der bisherigen Ästhetik eingetreten, so verspüren wir heute eher eine Kapitulation gegenüber der eigenen Geschichte.

Allerdings wurde testcard – als Magazin für Popgeschichte – nicht deshalb gegründet, weil wir die Perlen nur in der Vergangenheit vermuten würden, sondern weil ein Schreiben über Popkultur heute ein gewisses Maß an Geschichtlichkeit benötigt, will man nicht Monat für Monat irgendwelchen schnellen Verpuffern nachjagen. Andererseits wollen wir Gegenwärtiges natürlich jederzeit würdigen, sobald wir darin eine ästhetische Substanz erkennen können, die uns interessant erscheint. Der Review-Teil zeigt das hoffentlich. Solange es noch Bands wie z.B. Oval gibt, ist nicht alles verloren. Aber gerade solche Entwürfe gehen derart im Unmaß an Neuveröffentlichungen innerhalb der längst ausdifferenzierten Sparten unter, dass auch noch etwas anderes hinzu kommen muss, um Qualität überhaupt wahrnehmen zu können: Die kritische Auseinandersetzung mit dem Spartenwesen selbst – und auch sie bedarf einer geschichtlichen Herangehensweise. Schließlich ist auch die Ausdifferenzierung der Sparten nach Punk und New Wave eine Frage der Bezugs- und Orientierungslosigkeit. Uns ist daher daran gelegen, hier Beiträge über Popgeschichte zu veröffentlichen, die weder einem blinden Historismus verfallen noch selbst kulturpessimistisch nur der Vergangenheit nachjagen.

Als Vorbild dienten uns vor allem das längst eingestellte Rock Session, weiterhin Magazine wie die amerikanischen Option und Forced Exposure sowie der britische Wire, Hefte also, die sich die Freiheit nehmen, jenseits selbst gesteckter bzw. von den Plattenfirmen gewünschter Hip-Kategorien über Musiker wie Morton Feldman, Neu, Black Flag, Bill Frisell, The Edgar Broughton Band, Moonshake, Speedfreak und Motörhead nebeneinander berichten zu können, ohne sich dabei die Frage zu stellen, inwieweit dies einer vermeintlichen credibility gegenüber dem ›Zeitgeist‹ entspricht.

Im Gegensatz zu Organen wie Option oder Wire haben wir ein anderes, eher an Rock Session orientiertes Format und eine andere Erscheinungsweise gewählt, um unseren Autoren die Möglichkeit zu geben, längerfristig an den einzelnen Artikeln zum jeweiligen Schwerpunkt-Thema arbeiten zu können. Es versteht sich von selbst, dass damit im Sinne der »cultural studies« Pop-Phänomene nicht von anderen kulturellen Strömungen und schon gar nicht von den gesellschaftlichen Bedingungen getrennt werden können. Damit erhält testcard über weite Strecken einen akademischen Touch, der unvermeidbar ist, wenn man sich diskursiv mit Pop als Teil einer soziokulturellen Gesamtheit auseinandersetzen will – unvermeidbar wohl auch, weil ein Teil der Mitarbeiter selbst an den Hochschulen arbeitet. Andererseits bleibt aber auch der Fanzine-Charakter insofern erhalten, als wir unseren Autoren weder über ihren Stil noch über den Verlauf ihrer Argumentation Vorschriften machen. Diskursiv ertragreich, denken wir, kann ein Magazin nur sein, wenn die unterschiedlichsten Positionen (sofern es sich nicht um puren Subjektivismus, sachferne Thesen oder bloßen Jargon handelt) ausgetragen werden, mögen sie auch den Ansichten der einzelnen Redaktionsmitglieder zuwiderlaufen.

Schon mit der ersten Nummer kamen in diesem Punkt Schwierigkeiten auf. Das Thema Pop und Destruktion brachte es unvermutet mit sich, dass wir uns mit einigen heiklen bis unvertretbaren Thesen konfrontiert sahen. Wir sind bei unserer Themenvergabe zu selbstverständlich davon ausgegangen, dass sich Destruktion im Pop immer in einem unmissverständlich linken bzw. ideologiekritischen oder doch zumindest ideologisch indifferenten Kontext vollzieht. Nun sahen wir uns aber plötzlich z.B. mit offen sozialdarwinistischen Äußerungen (im uns bedenklich unkritisch erscheinenden Boyd Rice-Artikel) konfrontiert. Hätten wir entsprechende Passagen allerdings einfach unter den Tisch fallen lassen, wie wir anfangs eigentlich vorhatten, wären auch wir wieder nur zu Konstrukteuren einer korrekten Subkultur-Selbstverständlichkeit geworden, die so selbstverständlich niemals war und es leider immer noch nicht ist. Diese Lage in Hinblick auf das Destruktions-Thema zu dokumentieren, schien uns sinnvoll, und zwar nicht, um dabei zutage tretende rechte Entgleisungen zu legitimieren, sondern gerade um sie kenntlich zu machen. Was den Umgang mit solchen Positionen betrifft, vertrauen wir darauf, dass unsere Leser in der Lage sind, ideologische Verirrungen als solche zu erkennen und mit ihnen mindestens genauso kritisch umzugehen, wie sie es ohnehin mit allen hier versammelten Thesen tun sollten und hoffentlich auch werden.

Diese Worte sind leider nötig gewesen, beziehen sich aber glücklicherweise nur auf einen verschwindend geringen Teil der Ausgabe. Ansonsten bietet die vorliegende Nummer hoffentlich eine in diesem Umfang noch nicht dagewesene und auch ertragreiche Beschäftigung mit dem Thema. Kritische Reaktionen freuen uns genauso wie interessierte, fähige Mitarbeiter (und vor allem auch: Mitarbeiterinnen... die Startnummer beginnt wider Willen mit der Nullquote) – bleibt am Ende nur noch der Aufruf, zu abonnieren! Wir arbeiten und verlegen in Eigenregie, so dass ein Weiterexistieren von testcard alleine vom Verkauf abhängt, notfalls von Spenden (kein Scherz!). Während ihr nun bequem gepolstert die erste Nummer lest, euch hoffentlich ausreichend begeistert, aufregt, ärgert und überstürzt zu Stift und Zettel greift, steuern unsere Segel mit vollem Wind schon auf die zweite Nummer zu. Bei einem so umfangreichen Magazin, hat uns der erste Band gelehrt, ist auch die halbjährliche Erscheinungsweise ein einziger Staffellauf um Artikel und Material.

Wir bedanken uns hier bei allen Autoren dieser Nummer und hoffen, dass testcard künftig noch mehr von seinen Gastbeiträgen lebt.

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis

Johannes Ullmaier:
Pop und Destruktion

Frank Schütze:
The Who: Die Kunst des Vandalismus

Thomas Lau:
Punk Was A Riot. Every Night A Rumble...

Marc Peschke:
Drei Cover von The Clash

Martin Büsser:
GG Allin

Johannes Ullmaier:
Destruktive Cover-Versionen

Jochen Kleinhenz:
Industrial Music For Industrial People

Holger Gächter:
Laibach

Sascha Ziehn
Boyd Rice / NON

Masami Akita aka Merzbow:
Antischallplatten

Jean-Marc Vivenza
Die Sogenannte »Konkrete« Musik

Martin Büsser:
This Heat

Miß Weisung:
Death On Arrival: Death Metal / Grindcore

Eike Hebecker / Erik Meyer:
Appetite For Destruction: US-HipHop

Rigobert Dittmann:
Pop Und Destruktion

Martin Büsser:
Die Böse Avantgarde. Artaud, Aktionismus, SRL

Frank Hofmann:
Ein Ende Des Modernen Horrorfilms

Johannes Ulmaier:
Die Wiener Gruppe

Karl Riha:
Ein Erster Deutscher Pop-Roman Von H.C. Artmann

Martin Büsser:
Broken Piano.Fluxus Und Neue Musik

Gumby Brain Specialists:
Monthy Python’s Flying Circus In Der Nuß

Rezensionen & Meldungen

Destruktive Platten
Auswahldiskographie von Alboth bis Zoviet France


Rezensionen Tonträger

A SUBTLE PLAGUE: No Reprise
ALAN LAMB: Primal Image. Archival Recordings
ALBERT MARCOEUR: Sports Et Percussions
ALOOF PROOF: Expo One / Piano Text (Expo Two)
ANEMONENGURT: Wo die Ebenen geglättet sind
ANTHEIL / COWELL / ORNSTEIN: The Bad Boys!
ARTO LINDSAY TRIO: Aggregates 1-26
BILL LASWELL / NICHOLAS JAMES BULLEN: Bass Terror
BOHREN UND DER CLUB OF GORE: Gore Motel
CARNEY / HILD / KRAMER: Black Power
CHRIS CUTLER / FRED FRITH: Live in Trondheim, Berlin, Limogs - Vol.2
CHRISTIAN VOGEL: Beginning To Understand
CURD DUCA: Easy Listening Vol.3
DULL SCHICKSAL: Herfstblad’ren
FRANK SCHULTE: Switchbox
FUNNY VAN DANNEN: Clubsongs
HARMONIA: Same
HIRSCHE NICHT AUFS SOFA: Gegenstände fallen zu Boden
HUGH HOPPER & KRAMER: A Remark Hugh Made
JOE JONES & CHICKEN TO KITCHEN: Fluxsaints
JOHN LYDON: Johnny Rotten. No Irish. No Blacks. No Dogs. Mein Leben mit den Sex Pistols
KING CRIMSON: Vrooom
LONG FIN KILLIE: Houdini
MATT HECKERT: Mechanical Sound Orchestra
MB: SFGA - Symphony For A Genocide
Méditations Sur Le Mystère De La Sainte Trinité
MERZBOW: Venerology
MIKE WATT: Ball-Hog Or Tugboat?
MORTON FELDMAN / IB HAUSMANN / PELLEGRINI QUARTET: Clarinet And String Quartet
MORTON FELDMAN: Works For Piano
MORTRON FELDMAN / IVES ENSEMBLE: Piano, Violin, Viola, Cello
NEU!: 1-3
OLIVIER MESSIAEN / CHRISTOPHER BOWERS-BROADBENT (Orgel):
OVAL: Systemisch /Diskont. 94
PATRICK UND THOMAS DEMENGA - Cello: 12 Hommages A Paul Sacher Pour Violoncelle
PAVEMENT: Wowee Zowee
PERE UBU: Ray Gun Suitcase
PERIL: Same
PETER SCHERER: Very Neon Pet
POL: Transomuba
RAPOON: Fallen Gods
REPTILICUS AND THE HAFLER TRIO: Designer Time
ROBERT FRIPP: 1999 Soundscapes
ROY HARPER: An Introduction To Roy Harper
SCOTT WALKER: Tilt
SOCIAL INTERIORS: The World Behind You
STEFAN GRIEDER / PETER LANDIS: Music For Organ & Saxophone
STEVE BERESFORD: Signals For Tea
SUGARCONNECTION: Plays Alien Cakes
THE FALL: Cerebral Caustic
THE HAFLER TRIO: How To Reform Mankind
THE MURRAY FONTANA ORCHESTRA: Play The Hafler Trio
THE RED KRAYOLA: Coconut Hotel
TORTOISE: Rhythms, Resolutions & Clusters
VIVENZA: Aérobruitisme Dynamique
YA HO WHA 13: Penetration - An Aquarian Symphonie

Road Movies
Wir könnten Freunde werden
Berlin Bromley
Happy Endstadium
Hot Topic