Angsterhaltende Maßnahmen Inhaltsverzeichnis
Leseprobe

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156 Seiten
2006, 3. Aufl. 2011
9,90 €(D)
ISBN 978-3-931555-84-9

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Angsterhaltende Maßnahmen
Homestories
Jan Off

Neue Geschichten aus der Trash-Fabrik – abgründig, grotesk und wortgewaltig

Mit aufstrebenden Karrieristen, emsigen Kleinfamilien und Optimismus verbreitenden »Du bist Deutschland«-Figuren haben die Geschichten von Jan Off nichts zu tun. Sie führen uns an den Rand der Gesellschaft, an jene Orte, an denen nur die wenigsten freiwillig gestrandet sind. Seine Figuren scheren sich nicht um den allgemeinen Verhaltenskodex, vielmehr haben sie gelernt, ihren eigenen zu leben. Doch genau diese Weigerung, sich anzupassen, führt sie in manchmal absurde, manchmal gefährliche, immer aber höchst amüsante Situationen.

Mit »Angsterhaltende Maßnahmen« legt Jan Off seinen dritten Erzählband vor, der den Autor abermals als Meister der Drastik und des Grotesken präsentiert. Wir begegnen Hamster mordenden Mädchen, von Sperma besudelten Lokalpolitikern und Pullunderfreaks mit Werner-Höfer-Brillen. Normal gibt es nicht, gestört ist hier jeder. Dass die Off-Existenzen dennoch liebenswert erscheinen, ist das Bestechende dieser Prosa. Wenn Off seinen Ich-Erzähler die gesamte Trostlosigkeit menschlicher Existenz ausloten lässt, verzahnen sich Ironie und Zynismus, Beklemmung und Anteilnahme zu einem Reigen berauschender Sozialabsteiger-Prosa. Hier schaut einer genau hin, wo andere längst weggesehen hätten, und macht selbst dort noch Poesie aus, wo niemand sie erwarten würde.

Die Presse

»Jan Off, hat mal jemand geschrieben, sei der ›Bulldozer der deutschen Underground-Literatur‹ – das hat natürlich gestimmt und das ist auch immer noch wahr. Wortmächtig wälzt er sich durch seine Geschichten, die meist das Leben schrieb.« (Junge Welt)

»Die Stärke dieser Literatur liegt in der genauen, überspitzen Milieustudie, die nicht von außen gemacht wird, sondern mitten aus dem verkaterten Sud herausgerotzt wird.« (Visions)

Inhaltsverzeichnis

• Leichenstarre
• Gratis-Inventur
• Das närrische Treiben der Boheme
• Drei Farben Mett
• Einen Fußbreit im Delir
• Eiweißjäger
• Leseschwäche
• D.O.R.F.
• Nibelungensiedlung
• Monstren, Mumien, Mutationen
• Straight outta Schweinekoben

Leseprobe

Auszug aus »Das närrische Treiben der Boheme«:

Ich erinnere mich an einen trüben Septembermorgen anno 1998 – es wird so gegen halb sechs gewesen sein –, als es in dieser Hinsicht wieder einmal besonders hoch herging. Ich hatte einen befreundeten Beatnik aus Berlin zu Gast, einen langjährigen Polytoxikomanen ohne Kinderstube, den ich Stunden zuvor bei einem hannöverschen Literaturfestival aufgelesen hatte.
Zum Zeitpunkt unseres Zusammentreffens hatte der Beatnik, nennen wir ihn der Einfachheit halber Raskolnikov, bereits drei Liter Bier und eine gehörige Portion Ephedrin in der Blutbahn. Kein schlechter Start, gewiss, aber ich holte im Laufe des Abends auf. Während Raskolnikov diversen Vortragenden mit fortgesetzten Zwischenrufen auf den Zahn fühlte, pumpte ich Rotwein in mich hinein, den ich mit Hustensaft veredelte.
Nachdem wir uns schließlich in meine Ein-Raum-Wohnung begeben und ein oder zwei Stunden lang Monologe ausgetauscht hatten, wurde es irgendwann Zeit, die schlafende Bevölkerung an unseren Geistesblitzen teilhaben zu lassen. Eifrig arbeiteten wir die wichtigsten Nummern aus meinem privaten Telefonbuch ab, wobei wir uns ausschließlich auf Variationen des immergleichen Themas beschränkten.
»Wir kommen, um dich zu holen und schaffen dich nach Polen«, zwitscherte ich mit schlecht verstellter Stimme in den Hörer, nachdem das Pfeifen eines Anrufbeantworters oder ein verschlafenes »Ja, hallo?« das Startsignal gegeben hatte.
»Wir wissen, wo du wohnst, du Leichtmatrose! Wir setzen dir den roten Hahn aufs Dach!«, bölkte Raskolnikov aus dem Hintergrund.
Wer selbst an den Apparat gegangen war, erhielt nun die einmalige Gelegenheit aufzulegen. Und das taten auch die meisten. Wer sich allerdings gesprächig zeigte oder den AB für sich arbeiten ließ, durfte sich weitere Schmankerln angedeihen lassen.
»Am besten wir kommen sofort rüber, du Aussatz!«
»Du weißt ja, was mit Herrhausen passiert ist …«
»Und lass bloß die Finger von meiner Verlobten!«
»Wie bitte? Was reden Sie da?! Ich bin homosexuell«, nölte ein Lyriker, der seinen Wohnsitz ebenfalls in die Hauptstadt verlegt hatte und für seine schwulenfeindlichen Gedichte bekannt war.
»Meine Verlobte behauptet aber, dass du ihr an der Bar im Tresor allerlei Schweinkram ins Ohr geflüstert hättest.«
»Aber … um Gottes Willen! Das ist doch unmöglich! Wer sind Sie überhaupt?«
»Wir sind Freunde des Märtyrers Siegfried Buback.«
»Wir setzen dir den roten Hahn aufs Dach!«, bölkte Raskolnikov.
»Das ist ja lächerlich. So einen Scheiß muss ich mir nicht anhören«, grollte der Lyriker, mittlerweile erzürnt. »Wenn Sie nicht sofort auflegen, rufe ich die Polizei!«
So gingen die Telefoneinheiten ins Land und die letzten Biervorräte dahin. Wir versuchten, uns noch einmal zu motivieren, indem wir verschiedenen uns bekannten Dichterinnen die Botschaft hinterließen, dem Rowohlt-Verlag umgehend Texte für eine geplante Anthologie mit dem Titel Spermapalast zuzusenden. Aber bald half auch das nichts mehr, und so robbten wir mit dem rechtschaffenen Gefühl des Fleißigen auf unsere Pritschen. Alles in allem hatten wir an die sechzig Mitbürger beglückt.
Am nächsten Abend, kurz nach dem Aufwachen, war das Wehklagen verständlicherweise groß. Ganz klar, dass die Ereignisse des vorangegangenen Morgens einige quälende Fragen aufwarfen.
Frage Nummer eins: Wie hatte das nur wieder passieren können? Frage Nummer zwei: Ab welchem Punkt waren die erzieherischen Bemühungen meiner Eltern eigentlich ins Leere gelaufen? Frage Nummer drei: Wen zur Hölle hatten wir überhaupt alles angerufen?
[...]

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