Vorkriegsjugend Leseprobe

Broschur
156 Seiten
2003, 6. Aufl. 2014
9,90 €(D)
ISBN 978-3-930559-88-6

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Vorkriegsjugend
200 Gramm Punkrock
Jan Off

Jung kaputt spart Altersheime!

Goldene Tage waren das Mitte der 80er, als gefärbte Haare und zerrissene Klamotten bei Eltern, Lehrern und deinem Gegenüber in der Straßenbahn noch echte Empörung auszulösen vermochten. Eine Zukunft sollte es nicht geben – das hatten zumindest die Großmächte versprochen. Wozu also die knappe Zeit mit einer Berufsausbildung vergeuden?! War es nicht wesentlich sinnstiftender, das ungeheure Angebot an Rauschmitteln zu verkosten, dabei weitere Nieten in die Lederjacke zu schrauben und die Regler der Anlage hochzureißen, damit auch die Nachbarn den neuen ›Soundtrack zum Untergang‹ genießen konnten?

Ja, natürlich war es das! Aber bis der lang ersehnte Irokesenschnitt endlich das notwendige Stehvermögen besaß, mussten nicht selten zahlreiche Hürden genommen werden.

Der Roman »Vorkriegsjugend« würdigt eine Dekade, die so furchtbar gern kalt sein wollte, sich im Vergleich zum nachfolgenden Jahrzehnt aber als echter Ponyhof präsentiert.

Die Presse

»Veteranen, die einst in Diskotheken auf Neue Deutsche Welle und New Wave pogten (weil dort kein Punk gespielt wurde!), bringt es alle Klischees der kläglichen Sozialisation via Nostalgietransfer zurück; jüngere Leser dürften Parallelen zu eigenen (aktuellen?) Verfehlungen wieder entdecken und feststellen, dass früher eben doch nicht alles besser war – obschon Off alles so humorvoll verpackt hat, dass sich einem beim Grinsen und Lachen jener Verdacht aufdrängen könnte. Pflichtlektüre eben!« (tbc, Ox Fanzine)

»Eine mehr als unterhaltsame Achterbahnfahrt voller Heldentaten und Peinlichkeiten. Lederjackencontests, Punkettenstress, Skinheaddiktaturen, Schäferhundverfolgungen, Valeronräusche und Karlsquellliebschaften (...) Empfehlung des Jahres!« (Furious Clarity)

»Unterhaltsame, glaubwürdige Lektüre ohne nostalgische Verklärung.« (Toby Schaper, SUBWAY)

»Jetzt, da Hausfrauen sich die Haare rot, grün oder orange färben, wo ›kaputte‹ Jeans aus der Boutique stammen oder der Hautschmuck alltäglich wurde, ist es wohl an der Zeit, gute 200 Gramm Punkrock zum Nachlesen herauszubringen.« (www.wildwechsel.de)

Leseprobe

Ich war dreizehn oder vierzehn, als der Punkrock von meiner zarten Seele Besitz nahm.
Beim Durchpflügen des einzig akzeptablen Plattenladens, den meine Heimatstadt im Angebot hatte, war mir ein Sampler ins Netz gegangen, dessen Cover (eine Schwarzweiß-Zeichnung) aufrichtig verboten aussah: ein Trupp futuristisch anmutender Soldaten, absoluten Vernichtungswillen auf den Gesichtern, in einer brennenden Ruinenlandschaft. Darüber die einleuchtende Zeile »Soundtracks zum Untergang«.
Die auf der Rückseite der Plattenhülle aufgelisteten Bands hielten, was die Vorderseite versprach. Sie trugen so abenteuerlich klingende Namen wie Hass, Störtrupp oder Offensive Herbst 87 und hatten ebenso abenteuerlich klingende Stücke im Angebot: »Selbstmord« etwa oder »Hurra, ich bin genormt«. Als Krönung des Ganzen das Zitat einer gewissen Rosa (Eine Band? Ein Mädchen?): »Wir werden noch tanzen, wenn an euch schon keiner mehr denkt!«
Ohne zu wissen, was hier überhaupt für eine Musikrichtung präsentiert wurde, trug ich den Tonträger zur Kasse. Ich spürte mit aller Deutlichkeit, daß ich etwas Außergewöhnliches in den Händen hielt. Was auch immer auf dieser Scheibe gespeichert war, es würde ohne Zweifel geeignet sein, meine altersbedingte Abneigung gegen die üblichen Autoritätspersonen mit Munition zu versorgen.
Mein Gefühl sollte mich nicht im Stich lassen. Kaum daß ich das Vinyl meinem Plattenspieler überantwortet hatte, prügelte ein Sound auf mich ein, dessen Aggressivität mich schreckhaft den Lautstärkeregler zurückdrehen ließ. Die Texte taten ein Übriges; sie griffen alles an, was dem Land, in dem ich lebte, lieb und teuer war, und das in einer Sprache, die mir im Deutschunterricht unzweifelhaft ein Ungenügend eingetragen hätte.
Heiland, wenn dieses staatsfeindliche Produkt (das nur von der RAF oder der Stasi finanziert worden sein konnte – und war das, wenn ich meinem Großvater Glauben schenken durfte, nicht das gleiche?!), wenn dieses Werk des Bösen also meinen Eltern in die Hände fiel, würde das unweigerlich Strafmaßnahmen und/oder (was noch schlimmer war) klärende Gespräche nach sich ziehen. Für gewöhnlich liefen Trio oder Joachim Witt auf meiner Billig-Anlage.
Ich ließ die erste Seite durchlaufen, dann schob ich die Platte in ihre Hülle zurück. Mehr wäre gesundheitsschädigend gewesen. Die Erregung, die mich beim Hören ergriffen hatte, kam dem High eines Langstreckenläufers gleich. Gegen das eben Erlebte war die Berührung von Ilona Rennelbergs zarten Brüsten ein Scheißdreck gewesen.

Keine Frage, daß ich meinen Jahrhundertfund noch am selben Nachmittag zu Jörn Melzer trug. Wenn es jemanden in meiner Klasse gab, der diesen Sprengsatz zu würdigen wußte, dann war es mein Banknachbar.
»Und?« fragte ich, nachdem wir dem Krawall etwa eine Viertelstunde lang gelauscht hatten.
Jörn Melzer zog bedächtig an einer Camel Filter.
»Das ist Punk«, sagte er schließlich.
Punk also, davon hatte ich schon gehört. Im Stern hatten sie einen Bericht gebracht, der sich mit fortgesetzten Schlägereien zwischen größeren Gruppen verfeindeter Jugendlicher in Berlin beschäftigte. Die einen trugen gelbe Pullunder und Karottenhosen und wurden Popper genannt; die anderen, die sogenannten Punker, besaßen abenteuerliche Stachelfrisuren und bemalte, mit Nieten übersäte Lederjacken. Das also war die Musik, die diese verwegenen Gestalten dazu brachte, der herrschenden Mode ins Gesicht zu spucken. (An meiner Schule rannten die meisten in knielangen Hemden, Anzugwesten und geschlossenen Clogs herum.)
Natürlich durfte ich mir meine Unwissenheit nicht anmerken lassen.
»Das war mir schon klar, daß das Punk is’. Ich wollte wissen, wie du’s findest?«
»Groß«, sagte Jörn Melzer.
Und damit war eine zukunftweisende Entscheidung gefallen. Ohne daß wir es aussprechen mußten, stand fest: Auch wir würden Punker werden. Und das so schnell wie möglich!

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