Hotel Monopol (TB) Leseprobe

Broschur
204 Seiten
3. TB-Aufl. 2012
12,90 €(D)
ISBN 978-3-931555-56-6

Bestellen

Warenkorb anzeigen

Hotel Monopol (TB)
Roman
Alexander Wallasch

Die Kneipe wird hier zum Mikrokosmos der Welt. Bevölkert von skurrilen Gestalten und einem Besitzer, dessen Improvisation alle Fäden zusammenhält.

Ein Café in einer norddeutschen Großstadt. Doch es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Café, in dem Schüler vormittags ihre Stunden schwänzen. Inmitten des Rotlichtmilieus gelegen, zieht es all die enthemmten, verrückten und manchmal auch gefährlichen Gestalten aus der Nachbarschaft an. Sie greifen in das Leben des Betreibers ein, als ob es ihr eigenes wäre.

»Hotel Monopol« ist direkter als andere Kneipenromane und häufig so schmutzig wie seine Umgebung. Mal witzig, mal erotisch, aber immer überraschend verlaufen die großen und kleinen Geschichten, die Alexander Wall zu einem großen, nicht mehr ganz fleckenlosen Teppich verwebt.

»Was für eine lustige Dauerparty, was für eine irrwitzige Schlittenfahrt, was für eine unwiderstehliche Höllenfahrt!«
(Matthias Matussek Feb. 2012)

Die Presse

»Ganz leichten Fußes führt Alexander Wall den Leser durch sein wohlig müffelndes und erschreckend lebendiges Panoptikum, in dem wenig Platz für Großzügigkeit und lange Kreditlinien bleibt: Abrechnungstag ist hier täglich.« (Welt am Sonntag)

»›Hotel Monopol‹ ist ein Update der Kneipenromane von Charles Bukowski oder Hubert Fichte.« (Financial Times Deutschland)

»Mit seinem Kneipenroman und jeder Menge Wortwitz ›beamt‹ Wall den Leser knietief in schmutzige Hinterhöfe. Und überall stellt man fest, dass man eigentlich gar nicht wieder weg möchte ...« (Inside)

Leseprobe

Kubatruhe
Anti hat sich mal wieder breitschlagen lassen und einen Stapel Gratisbons für diverse Cappuccinos rausgegeben. Wir rennen den ganzen Tag wie die Teufel und in der Kasse ist zum Feierabend eines der Geldfächer gefüllt mit den eingelösten Gutscheinen. Eigentlich ist das sogar meine Schuld. Zuerst kauften wir, zum Schrottpreis, eine alte Theke aus den 60er-Jahren und dann kamen immer mehr Gegenstände aus dieser Zeit ins Lokal. Irgendwer hatte eine Oma, die war ins Altenheim verzogen und da stand noch eine Sofagarnitur mit Sesseln und einem Tisch. Dann brachte ein Freund eine Tütenlampe, die noch besser passte und dann stand irgendwann fest, dass wir ein 60er-Jahre-Café eröffnen. Die Sachen waren noch überall zu bekommen, wir sind dann jedes Wochenende auf die Flohmärkte gelaufen und haben die Autos vollgestopft mit den Hinterlassenschaften des Wirtschaftswunders. Wandteller, Figuren, formschöne Aschenbecher, alte runde Fernseher, Nierentische, Musiktruhen und natürlich Lampen in jeder erdenklichen Form aus dieser Zeit. Aber nicht amerikanisch mit Elvisnippes und Cadillac-Kitsch in Mint, sondern ganz miefig und deutsch und auch ein bisschen Gelsenkirchener Barock, wenn es gar nicht anders ging.
Nach der Eröffnung waren natürlich alle begeistert und wollten ihren Teil zur Gemütlichkeit beitragen. Bei jedem Besuch brachten sie irgendein neues Teil aus dem unerschöpflichen Fundus ihrer Ahnen als Geschenk mit. Um nicht jedes Mal ›Danke‹ sagen zu müssen, gab ich dafür immer Gutscheine für Getränke. Mittlerweile stapeln sich die Museumsstücke an jedem freien Platz. Vor den Toiletten im ersten Stock stehen die Musiktruhen schon übereinander und im Flur reiht sich Lampe an Lampe und in die Keller stopfen wir nur noch rein, ohne wohl jemals eine Chance zu haben die hintere Wand wieder zu sehen. Vor der Küche, neben dem Eingang, in der Wohnung im zweiten Stock und später dann auch, ausgelagert, in unseren Privatwohnungen, alles stand voll mit den Mitbringseln der Gäste. Was soll man auch machen, wenn wieder einer mit strahlendem Gesicht irgendwas Ausgefallenes aus einer Decke wickelt oder ein Transporter hält und das vermeintlich letzte Möbelstück seiner Art angeliefert wird.
Klaus zum Beispiel kommt immer mit irgendwelchen Platten und spielt die dann feierlich ab, auf einer der Truhen, egal wie voll es ist, oder was gerade aus der Hausanlage schallt. Das Personal dreht dann natürlich leiser und aus den schrabbeligen Boxen der Grundig-, Phillips-, oder Telefunkenkisten ertönt dann Freddy Quinn und singt Seemannslieder oder, mit viel Glück irgendeine Instrumentalversion eines Klassikers eines längst vergessenen Orchesters aus Köln-Mühlheim oder was auch immer. Die Sache wird langsam unangenehm und lästig.
Anti steht neben mir in der Küche und Klaus erklärt gerade wieder ungefragt den anwesenden Gästen den tieferen Sinn der Musik oder weist auf Besonderheiten in der Instrumentierung hin. »Anti, der Typ fängt echt an zu nerven, wollen wir dem nicht diskret mal Hausverbot erteilen oder ihm einfach mal sagen, wie Scheiße seine Platten sind?« Anti grinst und setzt sich auf einen Nierentisch vor der Küche: »Kannste ja machen, ich mach’s jedenfalls nicht, wer wollte denn auf 60er machen? Ich wäre mit ein paar Barhockern und ’ner Küchenplatte als Theke zufrieden gewesen. Das musste jetzt selber ausbaden.« Ich schmeiße ihm ein bisschen Mett an die Jacke und nehme für eine Sekunde die Sicherung raus, nur ganz kurz, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass die Truhe die gerade spielt, den Plattenarm zurückzieht und Caterina Valente und ganz Paris nicht mehr von der Liebe träumt. Aber Klaus legt die Scheibe einfach noch mal von vorne auf und denkt gar nicht daran, seinen Vortrag zu beenden. »Ich kotze, Anti, ich werde noch wahnsinnig, der vergrault uns die letzten Kunden ...« »Warum denn, die stehen da drauf, die finden’s echt gut.« Ich winke ab und rufe Lisa in die Küche. „Sag dem Klaus doch bitte mal diskret, er soll mal in die Küche kommen, o.k.?« Die Buletten sind fast durchgebraten, der Duft zieht langsam ins Lokal und die ersten Bestellungen kommen rein. Dann kommt auch Klaus. Selbst seine Klamotten sind irgendwie altbacken, er trägt eine abgewetzte Cordhose und seine ungekämmten Locken, vorne lang, hinten kurz, fallen auf die Strickjacke mit dem karierten Hemd darunter. Er strahlt und freut sich, am liebsten würde er sogar in der Küche seine Funde ausbreiten. »Klaus, nimmt den Scheiß hier weg, bist du irre?« Ich grinse ihn an und er spielt ein wenig den Beleidigten und senkt das Haupt. Das ist so eine devote Tour, da verzeiht man ihm alles und muss sofort lachen. Der ist sogar in seinem ganzen Gehabe 60er-Jahre. Er drückt sich immer etwas geschwollen und umständlich aus und den Bedienungen bringt er manchmal kleine gebundene Sträußchen mit, mit so weißen gestanzten Papiermanschetten. Die freuen sich auch und die Blumen gammeln dann tagelang zwischen den Schnapsflaschen in den guten Biergläsern. Anti muss Singlealben blättern und Klaus drückt ihm eine sicherheitseingeschweißte Conny-Francis-Platte mit Autogramm unter die Nase und lächelt, als hätte er sie leibhaftig gebumst. Dann habe ich die rettende Idee.

Jetzt hat der Klaus einen festen Tag in der Woche und wir haben ihm ein Eckchen im ersten Stock eingerichtet. Da sitzt er an einem Nierentischchen vor einer Kubatruhe, natürlich der Schönsten die wir haben, und darf offiziell seine Platten abspielen. Er bekommt immer einen Topfkuchen auf die Truhe als Dekoration und ein kleines Blumenbukett, das er selber mitbringt und meistens sieht es sogar aus wie selbst gepflückt und auch ein paar Kerzen. Die Mädchen gruppieren die Tische dann locker um das Stillleben und ich habe mit einem Lötkolben heimlich einen kleinen Punkt bei Stufe fünf der Lautstärkeregelung angebracht, sodass er auch hier Zimmerlautstärke nicht überschreiten kann.
Klaus trinkt gerne mal ein Weizenbier, das ist aber jetzt auch vorbei. Eine Bedingung für seinen Auftritt ist, dass er nur noch Kosakenkaffee trinken darf, eines der 60er-Jahre-Kultgetränke. Überall im Viertel hängen Plakate mit seinem Foto und drunter steht ›KKK, Kosakenkaffeeklaus, immer Mittwoch an der Kubatruhe! Hits der 60er, live vom Plattenteller‹. Das wirklich Erstaunliche ist, die Mittwoche sind immer besser besucht und Klaus wird schon erwartet von älteren Damen, die ihre verstaubten Ballkleider noch mal aus dem Schrank gekramt haben. Sie strahlen ihn dann stundenlang an, wie die Wiedergeburt von Peter Frankenfeld und bringen alte Singles mit und er hat jetzt sogar schon eine kleine Kasse dabei und verkauft Platten, tauscht Platten, begutachtet Platten. Irgendwann kommen ältere Herren und bestellen einen Kaffee und die Tische sind vollgepackt mit Vinylscheiben und Plastikalben mit gemalten verblichenen Parismotiven und im Internet wirbt irgendwer für eine Sammel- und Tauschbörse, jeden Mittwoch im Cafe ›Hotel Monopol‹. Wir sind machtlos. Das sind Kräfte, gegen die man sich nicht wehren kann und wir beschränken uns darauf, wenigstens Tischgeld zu nehmen von den Händlern und haben seitdem einen Schallplattenflohmarkt im ersten Stock. Irgendwann kommt dann auch die Zeitung und um mit aufs Bild zu kommen, schenke ich ihm schnell zum Zweihundertsten Auftritt eine Tütenlampe, in Wahrheit ist es wohl erst der zwanzigste oder dreißigste, aber das interessiert auch den Schreiber nicht. Schließlich kommen überregionale Blätter und berichten, sogar ein Fernsehteam filmt und überall stehen Scheinwerfer. Die Gäste bestellen nichts mehr, weil keine Tische frei sind, aber Werbung ist ja bekanntlich das A und O jeden Betriebes. Klaus lernt uns auch besser kennen, kommt öfter in die Küche und erzählt, was er nach seiner Vorstellung, zuhause, manchmal mit den Petticoats treibt. Sein Ruhm steigt ihm irgendwie zu Kopf und er nimmt auch Weißes. Immer wenn er vollgepackt ankommt, stürzt er erst einmal in die Küche und fragt nach Stoff, dann legt er ab und an Langspielplatten auf und kommt auch zwischendurch immer öfter und bekommt Augenringe und sein Auftrittsbeginn verschiebt sich von Woche zu Woche weiter nach hinten und dann kommt er manchmal gar nicht mehr und ich muss oben die Platten selber auflegen und dann bleibt er eines Tages ganz weg. Was ich ihm allerdings hoch anrechne: er hat einen Ersatzspieler geschickt und wenn ich geglaubt habe, die bisherige Performance wäre nicht zu toppen, dann habe ich mich gründlich getäuscht. Auf den neuen Plakaten steht nur noch: ›Jeden Mittwoch: der AMICAMANN‹, der heißt in Wirklichkeit Hans-Hermann Butze, ist 68, kommt aus der ehemaligen DDR und sächselt, aber mit Mundgeruch. Seine Klamotten sind einige Nummern größer als die von Klaus, aber im selben Stil und er hat viel weniger Zeug dabei, einen kleinen rosa Doppeltaperecorder und einen lustigen Kassettenkoffer mit Mickeymausmotiven und er hat einen Sprachfehler. Hans-Hermann Butze spielt Schlager aus der Zone, die außer ihm niemand kennt. Er hat alle Kassetten zuhause an die richtige Stelle gespult und dann steht er neben seinem rosa Musikschwein, legt immer eine ein und bewegt sich dazu elegant in den Hüften. Er kommt immer pünktlich und nimmt auch kein Weißes, aber dann wird es doch immer leerer und das hat dann keiner mehr verstanden und irgendwann ist der Mittwoch wieder so ereignislos wie vor Kosakenkaffeeklaus. Ich klopfe Anti auf die Schulter: »Na siehste, geht doch, so macht man das.« Irgendwann abends kommt einer, der sieht echt komisch aus und erzählt was von einer Karaokeanlage. Ich schreie ihn an und flüchte in die Küche.

1984! – Block an Block
Alles sehen
Das Ox-Kochbuch Teil II
Plattenkisten
Trouble With The Aardvaark